Presse

TV / RADIO:

RBB-TV
15.11.2019 zwischen 18:30 und 19:30 – Kurzbeitrag ĂŒber Jodeln mit Ingrid Hammer (danach in der Mediathek)

ALEX BERLIN
17.10.2019, 13:00: Beitrag von Daniela Cerciello ĂŒber urban yodeling und Ingrid Hammer  (danach in der Mediathek)

US-TV-Dokumentation „Planet Arts“ (Illuminar Motion Pictures / Bobby Emprechtinger)
8. Oktober 2019: Interview und Aufnahmen mit Ingrid Hammer und Elena Gußmann (Yodelirya) fĂŒr den Berlin-Teil dieser amerikanischen TV-Dokumentationsserie

NDR-Radiobeitrag „Der Berg ruft“
Über Jodeln in den Alpen und in deutschen GroßstĂ€dten – am Beispiel Berlin (urban yodeling/Ingrid Hammer und Sigurd Bemme)
Von Stefan Schomann
25.6., 18:00 und 27.6.2017, 21:00 bei NDR-Kultur
Ab 26.6.2017 HIER zu hören.

ZDF-Beitrag ĂŒber den Jodelchor URBAN YODELING
27.4.2017 in der Sendung „Hallo Deutschland“

NDR-Beitrag ĂŒber jodeln-in-berlin und transalpin
16.1.2017 um 22:45 im NDR-Kulturjournal: Beitrag von Lennart Herberhold ĂŒber jodeln-in-berlin, „urban yodeling“ und „transalpin“.

ZDF-Beitrag ĂŒber Jodeln in Berlin
29.12. 2015 in „Volle Kanne“, bis 5.1.2016 war der Beitrag auch in der ZDF-Mediathek zu sehen.

WDR: Berlin jodelt – und das liegt nicht an Seehofer!
Clemens Hoffmann hat fĂŒr die Sendung „Platz der Republik“ (WDR 5 6.11.2015) einen Jodelkurs von Ingrid Hammer besucht und mitgejodelt

Sendemitschnitt

TV24: Von den Alpen nach Berlin – Jodeln als GlĂŒcklichmacher
TV24-Beitrag von Floran Dennert ĂŒber Ingrid Hammer und „Jodeln in Berlin“ – mit „la vache qui crie“ und „urban yodeling“ (TV24, 18.6.2015, 17:00). Ab 18.6. war der Film eine Zeitlang im Schweizer online-Sender Doppio TV zu sehen, danach hat ihn „Welt der Wunder“ gekauft und hier ist er zu sehen.

SWR2: Von Berlin zu den Bayaka – Jodeln weltweit
SWR2 „Musik der Welt“, 9. Juni 2015, 23:03
Ariane Huml
nahm ein Konzert von „la vache qui crie“ zum Anlass, sich mit dem weltweiten PhĂ€nomen Jodeln auseinanderzusetzen.
(Seite leider nicht mehr verfĂŒgbar.)

URBAN YODELING – CHOR DER WOCHE
Deutschlandradio Kultur 29.4.2015
Sendemitschnitt

Kulturradio: Vor dem Naturtonkonzert 28.04.2013
Kulturradio 26.04.2013, 6:10
(Seite leider nicht mehr verfĂŒgbar)

rbb-Antenne Brandenburg: Jodelkurs
Stefanie Brockhausen
/ 14.01.2013, 02:42 min
(Seite leider nicht mehr verfĂŒgbar)

Deutschlandradio Kultur: Jodeln in Berlin – nicht nur zur Weihnachtszeit
von Caroline Kuban / 14.12.2012, 08:40
(Seite leider nicht mehr verfĂŒgbar)

Deutschlandfunk: Wenn im Regenwald gejodelt wird
Beitrag zum 1. Berliner Naturtonfestival
von Matthias Nöther / 30. April 2012
Sendemitschnitt

Kulturradio: Portrait Ingrid Hammer
April 2008
(Seite leider nicht mehr verfĂŒgbar)

 

PRINT:

SĂŒddeutsche Zeitung, 17.1.2020
Raymond Ammann, österreichisch-schweizerischer Jodel-Ethnologe

Luzerner Zeitung, 06. Juni 2017
Muotathaler Jodel begeistert in Berlin

Luzerner Zeitung Online, 06.06.2017 14:49
Applaus fĂŒr Muotathaler Jodel

Berliner Morgenpost, 24.4.2017
JahödeldidĂŒ – Wie Berliner das Jodeln lernen
Ein Selbstversuch von Isabel Metzger

Zuschauerstimmen nach „HORNJUCHZEN 5“ am 11.12.2016

128 – Das Magazin der Berliner Philharmoniker Nr. 04/2015
Jodeln und Obertongesang – Stimmtechniken zur Selbstfindung
von Annette Kuhn

BergLust – Das Magazin fĂŒr HochgefĂŒhle Nr. 1/2015
Der Berg ruft – Ein Jodelbericht von Cornelia Wolter
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Wellness fĂŒr den Kehlkopf

Zitty Nr. 28 /2014 – von Gary Flanell

Auf der Suche nach der Urtonerfahrung: Jodeln ist in Berlin eine immer noch exklusive, aber zusehends beliebtere Form der musikalischen Selbsterfahrung

Das Quartett ganz links im Halbkreis macht den Anfang. Auf das Zeichen von Ingrid Hammer lassen die vier Frauen die ersten glockenklaren Töne in den Mehrzweckraum eines Schöneberger Nachbarschaftsvereins fließen. Kurz darauf schallt aus sechzehn MĂŒndern ein begeisterndes Johlen bis zur Decke, vorgetragen ohne jede LĂ€cherlichkeit. DafĂŒr mit hoher Konzentration. Der allererste flatternde Tonwechsel von hoch bis tief klingt ungewohnt, fast schockierend ist dieses Schwanken zwischen Ober- und Brustton, das da aus der eigenen Kehle kommt. Aber nur fĂŒr den Einsteiger. Die Erfahrenen haben ihre Scheu, beim Jodeln möglicherweise mal nicht den richtigen Ton zu treffen, lĂ€ngst abgelegt.

Urban Yodeling nennt sich der Chor, der sich alle 14 Tage trifft. Erster Eindruck: Jodeln ist in Berlin Frauensache. 19 Frauen und gerade mal vier MĂ€nner jodeln regelmĂ€ĂŸig in den RĂ€umen des Vereins FAB in Schöneberg. In den drei regelmĂ€ĂŸigen Kursen mit je 16 Teilneh- merInnen, die Chorleiterin Hammer ebenfalls gibt, ist es Ă€hnlich. Eine Überraschung, denn das Klischee vom kernigen Hirten, der seine Jauchzer von der Alm bis in die tiefsten Bergschluchten schmettert, hat seinen Grund: In der Schweiz war Jodeln lange Zeit eine MĂ€nnderdomĂ€ne. Die mĂ€nnlichen Stimmen, sagt Hammer, seien besonders gut geeignet fĂŒrs Jodeln, „ weil sie im oberen Register sehr weich und sanft bleiben. Bei Frauen wird es in den höheren Lagen manchmal grell.“

WĂ€hrend der anfĂ€nglichen AufwĂ€rmĂŒbung wird schnell klar, dass die Österreicherin einen einheitlichen Ansatz verfolgt. Jodeln im Schöneberger Chor fordert schon beim Warm-Up Körpereinsatz, der weiter geht als bis zum Ende des Kehlkopfs. Vom Kopf ĂŒber den gesamten Brust- und Bauchraum bis hinunter zu den FĂŒssen werden alle Körperteile auf die zweistĂŒndige Probe vorbereitet. Viele Elemente hat die Jodellehrerin Hammer dabei vom Stimmbildungsunterricht wĂ€hrend ihres Regiestudiums in Graz auf die BedĂŒrfnisse beim Jodeln adaptiert.

Gejodelt wird ĂŒberall auf dem Globus. Neben traditionellen StĂŒcken aus dem Appenzeller Land oder der Steiermark hat der Chor JodelgesĂ€nge aus der ganzen Welt im Programm: georgische Krimantschuli-StĂŒcke treffen da auf guttural vorgetragene Joik-Lieder der Samen und komplexe Yelli-GesĂ€nge von den Baka-PygmĂ€en aus Zentralafrika. Diese weltweite Vielfalt ist fĂŒr Hammer das Schönste an dem Gesang, bei dem ohne Worte zwischen Brust- und Falsettstimme gewechselt wird: „Lange Zeit hat mich die Vorstellung, dass Jodeln nur im dunklen Hinterzimmer und einer sehr engen Gedankenwelt stattfindet, daran gehindert, mich mit Jodeln zu beschĂ€ftigen. Dabei ist es genau das Gegenteil.“

Der GroßstĂ€dter sieht das Jodeln auch als Wellness-Programm. „Die Leute beschreiben in den Workshops, dass sie nach einer langen Arbeitswoche oft mĂŒde dort ankommen“ erzĂ€hlt Ingrid Hammer, „und nach vier Stunden ganz energetisiert rauskommen und sich fröhlich und glĂŒcklich fĂŒhlen. Offensichtlich gibt es da etwas beim Jodeln, das diesen Energieschub auslöst.“ Die sehr ursprĂŒngliche Art zu singen, fernab von Text- und Notenkenntnis, spricht den Stadtmenschen anscheinend besonders an.

(…)  Gut 50 Menschen dĂŒrften es sein, die regelmĂ€ĂŸig im Chor und in Kursen jauchzen. (…) Aber immer mehr urtonentfremdete GroßstĂ€dter fasziniert die Mischung aus ganzheitlichem Körperausdruck und ungewöhnlichem Hobby. Dazu gibt es immer mehr Projekte, in denen mit Jodeln experimentiert und der traditionelle alpine Ansatz weiterentwickelt wird. Hammer etwa musiziert nicht nur in dem Duo MorinChuur mit einer Cellistin und im Vokal-Trio La vache qui crie, sondern realisiert auch mit einem Schauspieler im Projekt transalpin Musik-Performances zum Thema Jodeln.

(…)  Die Zeiten, in denen das Jodeln reserviert war fĂŒr Naturburschen, die sind endgĂŒltig vorbei.

 

Auf der Alm in Spandau

“Die Welt” und “Berliner Morgenpost” 2.5.2014 – von Annette Kuhn

 

Ho Je Hi Ri Ja Hu Di

TIP Nr. 09/2014 – von Cornelia Wolter

(
) Welche Dimensionen die Resonanz beim Jodeln erreichen kann, wird spĂŒrbar, wenn der 24-köpfige Jodelchor Urban Yodeling von Ingrid Hammer in Schöneberg probt. Hier jodelt man sogar dreistimmig. Doch ehe es losgeht, wird zur ErwĂ€rmung erst einmal gegĂ€hnt, gestöhnt, das Gesicht zu Grimassen verrenkt. Nach diesen LockerungsĂŒbungen, die vom ZungenrĂŒcken bis zur HĂŒfte gehen, sind alle Verspannungen aufgelöst. Dazu trĂ€gt auch die Chorleiterin bei. Mit vollem Körpereinsatz, mal tĂ€nzelnd, dann weit gestikulierend, bringt Ingrid Hammer jeden dazu, die Lieder so klingen zu lassen, wie sie sollen. Es geht um feine Nuancen. “Das soll sehnsĂŒchtig klingen, nicht sentimental”, korrigiert Hammer und demonstriert lauthals die richtige Version. Was das globale Jodeln betrifft, ist die Österreicherin Expertin: Im schweizerischen Appenzell und im Muotatal erlernte sie nicht nur die Jodelstile ZĂ€uerlis, Ruggusserlis und das Juuzen. Im Laufe der letzten 20 Jahre hat Ingrid Hammer auch die jodelĂ€hnlichen Krimantschuli-GesĂ€nge aus Georgien aufgespĂŒrt, die Yellis der Baka-PygmĂ€en oder die Saloma-GesĂ€nge aus Panama.

Es ist wohl die Sehnsucht nach etwas Archaischem, Unverkopften, die bei Ingrid Hammer wöchentlich drei Jodelkurse fĂŒr Fortgeschrittene und einmal pro Monat einen Kurs fĂŒr AnfĂ€nger lange im Voraus fĂŒllt. Denn weil die aneinandergereihten Jodelsilben ohne echten Sinn sind, kann man sich ganz dem Klang hingeben. Wie sich das anfĂŒhlt, können die Besucher des diesjĂ€hrigen Alphorn- und Jodeltreffens am 30. April erfahren, des Höhepunktes der Berliner Jodelsaison. Und weil ein Gebirge mit stilechten Tausendern in der Hauptstadt nun mal nicht zur Hand ist, tutÂŽs eben der 67 Meter hohe Hahneberg in Spandau. Die Besucher jedenfalls mögen auch diese Höhenlage: Von Jahr zu Jahr wird es beim Jodeltreffen voller.

(Der vollstÀndige Artikel in TIP Nr. 09/2014)

 

Holleri du dödel di

Tagesspiegel 27.04.2012 – von Anna Pataczek

Sie sind zwischen 30 und Mitte 60, ein paar Schweizer und Bayern sind darunter, aber auch viele aus Regionen jenseits des Weißwurscht-Äquators. Trampolinspringen mit der Stimme: Ingrid Hammer gibt in Berlin Jodelunterricht. Jetzt tritt ihre Gruppe beim Naturtonfestival auf.

An diesem Abend gibt es einen Raucheggischen und einen Rinnegger, einen Summersberger, einen Muotathaler und ein Appenzeller ZĂ€uerli. FĂŒr die StimmbĂ€nder und fĂŒr die Nachbarschaft. Die MĂ€nner und Frauen – mehr Frauen – bilden einen Kreis und stoßen aus ihren Kehlen urige Töne. Sie jodeln. Mitten in einem Schöneberger Klassenzimmer, ihrem Ausweich-Probenraum. Die Fenster sind offen, wahrscheinlich hört man die starken Stimmen ĂŒber alle StraßentĂ€ler und Dachgebirge hinweg.

Die Gruppe probt fĂŒr ihren großen Auftritt beim 1. Berliner Naturtonfestival (Sonntag, 29.5., 19 Uhr, Zwölf-Apostel- Kirche).
Da kommen die Schweizer Kollegen von Natur Pur in die deutsche Hauptstadt.

Sie stammen aus dem Muotatal, einer Region, in der das Jodeln noch auf eine sehr urtĂŒmliche Weise gepflegt wird. Selbst den ĂŒbrigen Schweizern klingt das etwas schrĂ€g. Außerdem tritt das Berliner Alphornorchester zusammen mit dem Basler Balthasar Streiff auf, der fĂŒr seine Experimente mit dem Instrument bekannt wurde. Es werden Workshops und ein Symposium angeboten. In der Walpurgisnacht, also in der Nacht zum 1. Mai, trifft man sich zum gemeinsamen Aufstieg auf den Spandauer Hahneberg. Aber vor allem geht es darum, die Jodel-Szene Berlins vorzustellen. Und die ist vielfĂ€ltig.

Eine ihrer Protagonistinnen ist Ingrid Hammer, jene Frau, die im Kreis ihres Urban-Yodeling-Chors steht und SĂ€tze sagt wie: „Eine 70 Jahre alte Gesangslehrerin hat mal zu mir gesagt, Sie dĂŒrfen ja aus allen Löchern singen, Frau Hammer, nur nicht aus dem Mund.“ Oh ja, Jodeln ist eine komplizierte Angelegenheit. Die Töne klingen, als wĂŒrden sie vor den MĂŒndern vor sich hergetragen. „Wenn’s in den Ohren kitzelt, dann ist es richtig“, sagt Ingrid Hammer, eine Grazerin, die seit 30 Jahren in Berlin lebt und sich ihren Dialekt bewahrt hat. Wenn sie selbst in den mehrstimmigen Gesang mit Vorjodlern, Haupt- und Nebenstimme einsetzt, dann wirft sie ihren Kopf nach hinten, die Nase zieht sich ein bisschen kraus und die FĂŒĂŸe stampfen auf. Dann schaukelt ihr langer Zopf. Hammer leitet nicht nur den Chor, sie gibt Kurse, jodelt im Trio La vache qui crie und der Formation Transalpin.

Alle werden beim Naturtonfestival auftreten. Als Naturtöne bezeichnet man Obertöne, die ĂŒber jedem Grundton mitschwingen. Legt man sie in eine Reihe hintereinander, ergibt sich daraus die Naturtonreihe. Alphörner klingen naturtönig, Jodler können das auch. FĂŒr europĂ€ische Ohren hörst sich das hĂ€ufig ziemlich schrĂ€g an. Wir sind an die wohltemperierte Stimmung gewöhnt, wie sie etwa das Klavier vorgibt.

Ingrid Hammer selbst hat das Jodeln von einer mongolischen SĂ€ngerin gelernt. Dabei gibt es in der Familie sogar professionelle Jodler, die Laufnitztaler SĂ€nger. Aber erst aus der Distanz, auf der Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksformen kehrte die Regisseurin und Schauspielerin zurĂŒck zu ihren Wurzeln. Inzwischen ist sie eine gefragte Lehrerin. So unterrichtet sie unter anderem am Konservatorium in Winterthur.

„Bitte das ‚I’ weniger schrill singen“, fordert Hammer ihre Gruppe auf, „etwas steirischer.“ Sie meint: dunkler, erdiger. Wenn es ums Jodelnlernen geht, ist die Österreicherin sehr genau, da mĂŒssen die Nuancen schon authentisch sein. Viele StĂŒcke entnimmt sie einem Gesangsbuch des Musikethnologen Josef Pommer, der Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals die vielen mĂŒndlich ĂŒberlieferten „444 Jodler und Juchezer aus der Steiermark und dem Steirisch-Österreichischen Grenzgebiete“ niedergeschrieben hatte. Mit La vache qui crie und Transalpin pflegt Ingrid Hammer dagegen Crossover. Da gibt es elektronische Loops, gehackstĂŒckelte Dialekt-Phrasen und AusflĂŒge in alle möglichen Regionen der Welt. Denn gejodelt wird seit Urzeiten nicht nur im Alpenraum. Berge braucht es dazu nicht. Nur viele Vokale, zwischen denen man den Überschlag von Kopf- und Bruststimme macht. Ingrid Hammer vergleicht das mit Trampolinspringen.

„Joik“, so heißt der Jodler bei den Samen, der Urbevölkerung Lapplands: „Hej jo lei la le jo la“, singt der Urban-Yodeling-Chor in Schöneberg. Es klingt heiterer und knatschiger als die alpenlĂ€ndischen Jodler – und wie bei allen ObertongesĂ€ngen seltsam berĂŒhrend archaisch. Was man mit der Stimme alles machen kann! In Zentralafrika jodeln die PygmĂ€en vor der Jagd und vor dem Honigsammeln, um die Geister der Tiere und Insekten zu besĂ€nftigen. In PalĂ€stina wird bei Hochzeitsvorbereitungen eine Art Jodler angestimmt, wĂ€hrend die Braut angekleidet wird und der BrĂ€utigam rasiert. Auf Hawaii stimmen junge MĂ€nner unter den Fenstern ihrer Angebeteten einen Obertongesang an, so lange, bis ihnen geöffnet wird.

Auch in Georgien wird gejodelt, dort nennt man das Krimantschuli-GesĂ€nge. „In Georgien bedeutet Singen immer Gemeinschaft“, erklĂ€rt Ingrid Hammer. Zum Beispiel sĂ€ngen die MĂ€nner hĂ€ufig mit den Armen ineinander gehakt, so spĂŒren sie die Körper der anderen. Das Jodeln versetzt den Körper in besondere Schwingung. Das merkt man auch im Berliner Probenraum, bei manchen KlĂ€ngen vibrieren sogar die StĂŒhle im Raum. Was fĂŒr eine Power. Ingrid Hammer wĂŒrde gerne einmal in einer wissenschaftlichen Studie untersuchen lassen, was fĂŒr Hirnströme das Jodeln auslöst. Sie ist sich nĂ€mlich sicher: „Jodeln euphorisiert.“

Das ist es auch, was die meisten Berliner Jodler hierher zieht. Sie sind zwischen 30 und Mitte 60, ein paar Schweizer und Bayern sind darunter, aber auch viele, die aus Regionen jenseits des Weißwurscht-Äquators stammen und Jodeln frĂŒher einfach nur volkstĂŒmelnd fanden, Alm-Öhi-Kitsch. Einige haben den Schweizer Dokumentarfilm „HeimatklĂ€nge“ gesehen, in dem der Regisseur Stefan Schwietert drei traditionelle und experimentelle StimmkĂŒnstler portrĂ€tiert. Sie sagen, das habe alles verĂ€ndert. „Jodeln ist einfach entspannend!“, „Jodeln macht gute Laune!“, „Der ganze Körper wird gelĂŒftet!“ Eine Frau fĂŒgt noch hinzu: „Da habe ich was Eigenes. Da habe ich mein Jodel-Diplom.“ Frau Hoppenstedt lĂ€sst grĂŒĂŸen. Alle lachen. Bevor mal wieder jemand einen doofen Witz mit Loriot und seiner Jodel-Schule macht („Holleri du dödel di / Diri diri dödel du“) ĂŒbernimmt das die Gruppe schon selbst.

 

Freudig geschmetterte `Hola-dri-joÂŽ

Die Höhen der alpinen Gesangskunst: Ein Jodelkurs in der Villa Leon
NĂŒrnberger Nachrichten 14.06.2010

NÜRNBERG – Mittlerweile gehört es zum Erfahrungsschatz der meisten Deutschen, dass man sich in mancher Alltags-Situation vorkommt wie in einem Loriot-Sketch. Der Streit um das Vier-Minuten Ei, Peinlichkeiten wie die Nudel am Kinn wĂ€hrend der LiebeserklĂ€rung – kennen wir alle. Aber wer kann schon von sich behaupten, einmal an einem Jodelkurs teilgenommen zu haben? Genau ein solcher fand jetzt in der Villa Leon statt. Unser Mitarbeiter erklomm furchtlos die Höhen der (nicht nur) alpinen Gesangskunst


Eines vorweg: Ob nun »Hola-dri-jo« oder »Hola-dri-ju« das zweite Futur nach Sonnenaufgang markiert, weiß ich immer noch nicht, dafĂŒr bin ich aber um mindestens eine Erkenntnis reicher: Jodeln ist tatsĂ€chlich, wie die VorankĂŒndigung versprach, Ă€ußerst entspannend und Stress abbauend – und macht einfach einen Heidenspaß.

17 Frauen und fĂŒnf MĂ€nner, darunter Twens genauso wie EndfĂŒnfzigerinnen, haben sich in der Villa Leon eingefunden, um sich von den Dozenten Ingrid Hammer und Sigurd Bemme vom Vokalensemble »Transalpin« einen Gesangsstil beibringen zu lassen, den viele nach wie vor mit verkitschter Heimatfilm-Romantik assoziieren. Dabei jodelt man beileibe nicht nur in den Alpen, sondern auf der ganzen Welt, unter anderem im zentralafrikanischen Regenwald, in Kolumbien, in Georgien, bei den Inuit in Alaska oder den Sami in Norwegen.

Wie Hubert von Goisern

Genauso vielfĂ€ltig sind die BeweggrĂŒnde, die die Teilnehmer zu dem zweitĂ€gigen Workshop gefĂŒhrt haben: Camilla wurde von ihrem Heilpraktiker zum »Heiljodeln« animiert und möchte ihre Erkenntnisse nun vertiefen. Anita, Musikerin, will zurĂŒck zu ihren Wurzeln und sagt sich »Wenn der Hubert von Goisern das kann, dann kann ich das auch«. Ria wiederum macht eine Abschlussarbeit ĂŒber Gesangstechniken. Ich fĂŒr meinen Teil wĂŒrde wohl nie ohne schmerzhaften Grund jodeln, hĂ€tte mich die Zeitung nicht hierher geschickt, bin als weltoffener Musiker aber immer fĂŒr skurrile Selbstversuche zu haben. Nun denn.

Das Jodeln beginnt mit einem langen, tiefen Seufzer. Wir stehen in einem großen Kreis, haben uns am Kopf an einer imaginĂ€ren Schnur aufgehĂ€ngt und stöhnen, seufzen und gĂ€hnen was das Zeug hĂ€lt. WĂŒsste ich nicht, dass solche AufwĂ€rmĂŒbungen genauso wichtig wie effektiv sind, kĂ€me ich mir unter UmstĂ€nden etwas lĂ€cherlich vor.

Schmachtender Mehrklang

Ingrid gelingt es jedoch mit ihrer direkten, unverstellten Art, nicht nur die körperlichen, sondern auch die seelischen Verkrampfungen zu lösen und so sind wir nach einer halben Stunde Lockerungs-, Konzentrations- und Stimmtraining bereit fĂŒr den ersten, elementaren Schritt zum großen JodeldidĂŒ: Der Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme. Was nach der klassischen Gesangslehre möglichst geschmeidig und ĂŒbergangslos geschehen sollte, braucht beim Jodeln ein abruptes »Kippen« von der einen in die andere Lage. Anfangs tapse ich noch etwas unsicher suchend durch die Intervalle, doch unter Sigurs Anleitung finde ich bald meinen Platz im sehnsĂŒchtig schmachtenden Mehrklang: »Tjo-tjo-ri-ri-di jo-e-tjo i-ri!« Na sowas, das klingt ja richtig schön!

Wenige Stunden spĂ€ter haben Ingrid und Sigurd aus diesem wenig homogenen Gemisch von Hobby-, Profi- und BadewannensĂ€ngerinnen einen respektablen Chor geformt, der den »Rinegger Dreier« in kraftvoller Dreistimmigkeit jodelt, durchaus hörbare Sextette bildet und beim afrikanischen PygmĂ€en-Kanon »Amaibu« die SchĂ€deldecke zum Vibrieren bringt. Und als zwischendurch die Frage aufkommt, ob es am Ende des dritten Taktes denn nun »ho-la-dri« oder »jo-i-ri« heißt, lĂ€sst der gute Loriot dann doch mal kurz sein spöttisches LĂ€cheln aufblitzen.
nn

 

Steiererin des Tages – Jodeln in der Berliner Luft

Kleine Zeitung / Steiermark, 22. April 2008
Sonja Hasewend / Berlin

Die Grazerin Ingrid Hammer gibt in der deutschen Hauptstadt Jodelkurse.
Das Jodeln hat sie selbst von einer mongolischen SĂ€ngerin gelernt.

Es ist in einer der weniger schönen Gegenden in Berlin, mit viel Schmutz und wenig Geld. Dort, in einer alten Fabrik im Arbeiterbezirk Wedding, mit Moschee im Hinterhof, spielt sich jeden Dienstag- und Mittwochabend EigentĂŒmliches ab. Mehrere Menschen stehen in einem Raum, reiben sich die HĂ€nde, seufzen, kreisen die HĂŒften wie HampelmĂ€nner und kauen ihr Gesicht durch. Es sind die AufwĂ€rmĂŒbungen fĂŒr das, was die gebĂŒrtige Grazerin Ingrid Hammer den Kursteilnehmern nahe zu bringen versucht: Das Jodeln.

Jauchzen und Klagen

AlpenlĂ€ndische KlĂ€nge tönen aus preußischen Kehlen. Doch nicht nur aus solchen, erzĂ€hlt Hammer. Neben waschechten Berlinern seien Österreicher, Schweizer und andere Zugezogene mit Eifer dabei. „Viele verbinden diesen beseelten Gesangsstil mit Freiheit. Jodeln hat mit Jauchzen und Klagen zu tun“, sagt die rothaarige Frau in steirischem Dialekt. Die mehr als 26 Jahre in Berlin machen sich in ihrer Sprache kaum bemerkbar.

Sie selbst hatte bis vor wenigen Jahren nichts mit Jodeln am Hut. „Ich fand das furchtbar“, erzĂ€hlt Hammer, die in Graz studiert hat und in Berlin  die Vokalgruppe transalpin & GĂ€ste leitet. Über die Weltmusik fand sie zur Musik von dort, wo sie herkommt und begann, das Jodeln zu erforschen. Auch im steirischen Volksliedwerk. „Die haben ein sehr gutes Archiv und unglaublich kompetente und nette Mitarbeiter“, betont Hammer.

Die Technik hat sie von einer mongolischen SĂ€ngerin gelernt. Gejodelt wird auf der ganzen Welt, auch wenn es sich nicht ĂŒberall so nennt. Und so erklingt auch an diesem Abend ein stimmkrĂ€ftiges „A-ma-i-bu-o-i-e-i“, ein PygmĂ€engesang. Ein steirisches „Hola-dri jo i-di ri“ schließt sich an. Bei Ingrid Hammer weckt das Erinnerungen an ihre alte Heimat, die sie zweimal im Jahr besucht. In Berlin kommt ihr steirischer Einfluss gut an. „Ingrid ist der beste Alpenexport, den ich kenne“, sagt eine Kursteilnehmerin lachend.

 

In Berlin das Jodeln entdecken

swissinfo.ch, 6. MĂ€rz 2008  – Paola Carega

Weit weg von den Alpen haben ein paar Schweizerinnen das Jodeln fĂŒr sich entdeckt und in Berlin eine Jodelschule gegrĂŒndet. Nun jauchzen ausgewanderte Eidgenossinnen, Freunde der AlpenlĂ€nder und Berlinerinnen vielstimmig im Chor.

Es braucht nicht immer Berge, um zu jodeln. Ein schlichtes Atelier in einer Berliner Fabriketage und ein Dutzend stimmkrÀftige Frauen mit einer charismatischen Lehrerin tun es auch, um die Urform alpiner Kommunikation zu pflegen.

Punkt 20 Uhr stehen sie erwartungsvoll da, Ingrid Hammers JodelschĂŒlerinnen. Ein paar herzliche BegrĂŒssungworte, dann stellen sich alle im Kreis auf. Bevor das eigentliche Jodeln beginnt, will erst der Körper gelockert und die Stimme aufgewĂ€rmt werden. Die Frauen, die meisten zwischen 40 und 60 Jahre alt, federn in den Knien. Dann rollen sie von den Fersen auf die Zehenspitzen, reiben sich die HĂ€nde feurig und drehen ihre HĂŒften um eine imaginĂ€re Acht herum. Erst langsam, dann immer schneller. “Und nie vergessen – seufzen. Seufzt laut ĂŒber alles, was euch belastet”, sagt Ingrid Hammer.

Freiheit und Weite

Danach mĂŒssen die Frauen mit der Zunge abwechselnd das Kinn und die Nasenspitze berĂŒhren. “Ist euch jetzt warm?”, fragt die Jodellehrerin und stimmt ein A an. Zwölf Frauenstimmen von Alt bis Sopran antworten; bis in den Hinterhof ist der Chor zu hören.

Die Idee, Jodelkurse in Berlin anzubieten, stammt von der Schweizerin Anita Meier, die schon seit 25 Jahren in der Stadt an der Spree lebt. “Ich fand Jodeln frĂŒher unmöglich”, erzĂ€hlt sie. Erst der Film “HeimatklĂ€nge” von Stefan Schwietert, der kĂŒrzlich den Schweizer Filmpreis fĂŒr den besten Dokumentarfilm gewonnen hat, öffnete ihr die Ohren fĂŒr die Vielfalt und Schönheit des textlosen Singens. “Plötzlich war Jodeln mit Freiheit und Weite verbunden.” Die Grafik- und Internet-Designerin wollte es genau wissen und – mit ausreichend Distanz zum Heimatland – das Jodeln von Grund auf lernen.

Über die “Schwiizlis”, das Netzwerk freischaffender Schweizer in Berlin, fand sie Gleichgesinnte; den Rest erledigte Mundpropaganda. “Mit der SĂ€ngerin Ingrid Hammer konnten wir eine professionelle Lehrerin gewinnen, so dass der erste Kurs sofort ausgebucht war”, sagt Meier.

Derzeit werden drei Kurse mit jeweils 15 SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern – es gibt auch ein paar jodelnde MĂ€nner – angeboten.

Entspannender als Yoga

Der erste Jodel wird angestimmt: “Amaibu o-ie-i”, ein Kanon aus dem Volk der Baka-PygmĂ€en in Zentralafrika. Kraftvoll schmettern die Frauen ihre “o-ie-i” in die Runde.

“Beim Jodeln hole ich die Töne aus dem ganzen Körper und darf richtig laut sein”, sagt die KĂŒnstlerin Lis Blunier, die ihre RĂ€ume fĂŒr die Jodelkurse zur VerfĂŒgung stellt. Ausserdem sei es ein ideales Ventil, um Alltagsstress abzubauen, meint die gebĂŒrtige Bernerin. “Eine Studie hat gezeigt, dass Jodeln entspannender ist als Yoga.”

Auch die anderen Kursteilnehmerinnen, die Mehrheit sind ĂŒbrigens Deutsche, loben die befreiende Wirkung des Jauchzens. “Es macht einfach Spass und ist so schön bodenstĂ€ndig”, sagt Katharina Zierold, die seit einem halben Jahr dabei ist.

Nach dem kleinen Ausflug in den zentralafrikanischen Regenwald geht es in die Schweiz: “Dr Zuger” ist an der Reihe. Voll und rund erschallt der zweistimmige Chor. Doch die Jodellehrerin ist noch nicht zufrieden. “Versucht, ĂŒber die ganze Atemsequenz den Druck aufrechtzuerhalten.”

Konzentriert beginnen die Frauen von vorne. “Schon viel besser”, lobt Hammer und wippt in ihren Turnschuhen im Takt mit.

AnfÀnger singen

Hammer ist eigentlich Regisseurin und SĂ€ngerin, zum Jodeln ist sie ĂŒber den Umweg der Weltmusik gekommen. “Alle Menschen können jodeln”, sagt die gebĂŒrtige Österreicherin. Viel Praxis ist allerdings nötig, denn der wortlose Gesang hat seine TĂŒcken.

“Charakteristisch und schwierig ist der schnelle und – im Unterschied zum Singen – hörbare Wechsel von der Kopf- zur Bruststimme”, erklĂ€rt Hammer. “Glottisschlag” oder “Jodelschnapper” wird die Technik genannt. Doch was Babys noch leicht gelingt, mĂŒssen Erwachsene erst wieder lernen. “AnfĂ€nger singen eher, als dass sie jodeln”, rĂ€umt Hammer ein.

Doch wer fleissig ĂŒbe, könne schon bald seinen ersten herzzerreissenden Jauchzer ĂŒber die Berge schicken, oder in die Berliner Hinterhöfe.

 

Trampolinspringen mit der Stimme. Warum immer mehr Berliner dem Jodeln verfallen

Berliner Morgenpost, 9. Februar 2008 – dpa – Caroline Bock

Lange waren die Vorstellungen der meisten Deutschen recht begrenzt, was das Thema Jodeln angeht: Evelyn Hamann, die im Loriot-Sketch einen Jodelkurs absolviert, um ein Diplom und “etwas Eigenes” zu haben. Marianne und Michael oder die singenden Schwestern Gitti und Erika mit der “Heidi”-Titelmelodie.

Das hat sich geĂ€ndert. Auch jenseits der Alpen sind KlĂ€nge wie “Ho la – dri jo i- di ri” immer öfter zu hören. Sogar in der alten Preußenmetropole Berlin kann man jetzt das “textlose Singen mit fortwĂ€hrendem Registerwechsel zwischen Brust- und Kopfton” lernen, so wird Jodeln wissenschaftlich definiert.

Neun Frauen und drei MĂ€nner sind an diesem Winterabend zum Jodelkurs der Grazerin Ingrid Hammer in ein Atelier in Wedding gekommen. Viele ihrer Kursteilnehmer haben Stefan Schwieterts poetischen Dokumentarfilm “HeimatklĂ€nge” im Kino gesehen, der einen ganz neuen Blick auf die alte Tradition des Gesangs wirft.

Gut eine halbe Stunde stehen Atem- und LockerungsĂŒbungen auf dem Programm: Klatschen, Wippen, mit den HĂŒften kreisen, Grimassen schneiden. Dann der erste Ton. Ein „aaaaa“ fĂŒllt den Raum, die Gruppe rĂŒckt zusammen. Der Ton soll im RĂŒcken zu spĂŒren sein und dann, im Bruchteil einer Sekunde, als “iii” in den Kopf springen. Gar nicht so einfach. “Es ist gut, wenn ihr euch körperlich reinlegt”, empfiehlt die Lehrerin. „Das ist Trampolinspringen mit der Stimme.“

Jodeln lernen ist anstrengend, eine Teilnehmerin wechselt ihr verschwitztes Hemd. Und: Gejodelt wird auch mit Noten. Das erste Lied erklingt: “A-ma-i-bu o-i-e-i”, ein Kanon des Volks der afrikanischen Baka-PygmĂ€en, das klappt schon ganz gut. Zumindest beschwert sich der Nachbar im Kreis nicht, auch wenn man denkt, dass die eigenen Töne klingen wie der Schrei eines Esels. Schwieriger wird es beim “Hul je du-li jo i- di ri” des “Kufsteiner Jodlers”. Der Überschlag oder “Glottisschlag”, klappt einfach nicht. Aber im Chor klingt es voll und rund zumindest fĂŒr den Laien. Nach zwei Stunden sind alle erschöpft, aber glĂŒcklich.

Jodeln ist gesĂŒnder als Yoga, krĂ€ftigt die Lungen und baut Stress ab, haben Forscher an der UniversitĂ€t Graz herausgefunden. “Ich bin drei Tage danach gut drauf”, sagt Teilnehmerin Lis.

Der Kurs lockt ein kreativ-akademisches Publikum an, das neugierig und offen ist. Einige kommen ĂŒber das Schweizer Berlin-Netzwerk “Die Schwiizlis”, oder aus Bayern oder Österreich, aber auch zwei Amerikanerinnen sind dabei. Und warum ausgerechnet Jodeln? “Ich wollte wieder singen”, sagt Szenenbildnerin Meike, die angenehme Erinnerungen an frĂŒher hat, als ihr Vater gelegentlich im Auto jodelte. “Ich hatte Heimweh”, sagt Isabell, Verlagsmitarbeiterin aus Bayern.

Die Regisseurin und SĂ€ngerin Ingrid Hammer tritt selbst mit dem Vokaltrio transalpin auf, das Musik aus verschiedenen Kulturen kombiniert. Zum Jodeln kam die Österreicherin ĂŒber die Umwege der Weltmusik und die Distanz zur Heimat. “Ich fand Jodeln lange ganz furchtbar”, sagt sie. Ein Seminar bei der mongolischen ObertonsĂ€ngerin Sainkho Namtchylak weckte ihr Interesse an der Technik des Jodelns.

Danach begann sie, in ihrer Heimat zu forschen und absolvierte Seminare des Steirischen Volksliedwerks mit den Steiner-SĂ€ngern. Ein Jodeldiplom gibt es bei Ingrid Hammer zwar nicht. Aber sie tröstet eine SchĂŒlerin, die erschöpft in der Pause fragt: “Ist Jodeln grundsĂ€tzlich fĂŒr alle lernbar?” Die Antwort der Expertin: “Ja, natĂŒrlich.”

 

Gut geseufzt ist halb gejodelt

TAZ, 6.11.2007 – Waltraud Schwab

Das hat Berlin noch gefehlt: Nach dem Samba-, Tango-, Bauchtanzfieber entdeckt man in der Hauptstadt das Jodeln. Im Wedding sitzt die erste Keimzelle und ĂŒbt GesĂ€nge aus der ganzen Welt Berliner Schweizerinnen haben das Jodeln entdeckt. Es geht: “Holadri jo” oder “Dra je hul jo idiri” oder “Haudrileiho”. Weil diese Urform alpiner Kommunikation keine Grenzen kennt, treffen sich Frauen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum im Atelier der Schweizer KĂŒnstlerin Lis Blunier in einer Weddinger Fabriketage zum Üben.

Bevor aus den Silbenkombinationen aber Jodler werden, mĂŒssen die Jodelwilligen die steilen Treppen der Fabrik hochsteigen. Vorbei an der Beyazid-Hinterhofmoschee. Die rhythmisch wiederkehrenden Koranrezitationen der Betenden dringen durch die TĂŒr und mischen sich mit dem Rattern der S-Bahn, die vor dem Fenster vorbeifĂ€hrt. Nach und nach trudeln ein Dutzend gestandene Frauen im Atelier ein. (
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Ingrid Hammer ist auch schon da. Die Jodellehrerin ist vor einem Vierteljahrhundert aus der Steiermark nach Berlin gekommen. Obwohl in ihrer Familie Jodler sind, hat sie das Jodeln selbst von einer mongolischen SĂ€ngerin in Berlin gelernt. Hammer interessiert sich fĂŒr Gesangssysteme aus aller Welt. In ihrem Projekt “Leittöne” vermischt sie sie. Bei ihrer neuesten Performance stehen Muezzinrufe neben barocker Kirchenmusik. Die Juchzer aus den Alpen neben mehrstimmigen Liedern aus dem Balkan. Schuhplattler neben liturgischen GesĂ€ngen, Jodler neben Sufiliedern. Eines geht nahtlos ins andere ĂŒber.

Die Jodelaspirantinnen haben mit Hammer eine leidenschaftliche Trainerin. Ihr Temperament hilft, jede SchĂŒchternheit zu vertreiben. Denn wer jodeln will, darf sich nicht zieren. So grandios der schnelle Wechsel von der Brust- zur Kopfstimme, und damit das KernstĂŒck des Jodlers, ist – bevor die Frauen es können, mĂŒssen sie die ResonanzrĂ€ume im Körper vom tĂ€glichen Ballast befreien.

Die JodelschĂŒlerinnen werden aufgefordert, sich ihre HĂ€nde feurig zu reiben, sie sich dann aufs Gesicht zu legen und dabei zu seufzen. “Seufzt ĂŒber alles, was euch bedrĂŒckt. Seufzt euch aus”, sagt Hammer. “Gut geseufzt ist halb gejodelt”, raunt eine Frau, die sich als Thea vorstellt. Sie trĂ€gt feste Schuhe zum kurzen Rock, arbeitet als Heilpraktikerin und liebt das Jodeln, weil es die Brust von Traurigkeit befreit. “Ich spiele doch Klarinette. Manchmal konnte ich gar nicht spielen, weil ich immer weinen musste.” Jodeln fĂŒllt das Leere in ihr, das sonst in TrĂ€nen aufgeht.

Im Atelier jedenfalls, in dem lauter VogelhĂ€uschen von der Decke hĂ€ngen – Lis Bluniers neues Projekt nennt sich “Vogelhausstadt” – wird geseufzt, was das Zeug hĂ€lt. Danach wird gewiehert. Dann mĂŒssen sich die Frauen das Gesicht vom Wind wegwehen lassen. Zwölf Frauen verziehen ihre Augen, ihre MĂŒnder in die geforderten Richtungen und wippen sich dabei wie eine Herde bellender Wölfinnen in eine körperliche Leichtigkeit. Sie lassen die Zungen heraushĂ€ngen und seufzen. Sie wippen und stöhnen. Sie schĂŒtteln sich und lachen. “Das Jodeln löst bei den meisten Leuten ein Wohlbehagen aus”, sagt Hammer. “Man kann klagen, aber es ist trotzdem schön.” Sie meint das echte Jodeln, nicht den verpoppten Jodelkitsch, wie er in Volksmusiksendungen vermarktet wird.

Im Atelier steigt die Stimmung, obwohl noch gar nicht gejodelt wurde. Die Frauen necken sich mit ihren Fratzen, lassen imaginĂ€re BĂ€lle an sich abprallen oder sie stellen sich vor, dass eine Schnur durch ihr Brustbein geht und sie sich drum herum drehen. “Denkt euch, die Brustwarzen machen die Kreise”, ruft eine Teilnehmerin. “Oh Gott, jetzt hab ich die Orientierung verloren”, kreischt eine andere. So arbeiten sich die Aspirantinnen durch die Körperzonen. “Seufzen nicht vergessen!”

Anita Meier, gebĂŒrtige Schweizerin, die auch schon lange in Berlin lebt, und sich als Internetdesignerin verdingt, hat die Jodeltruppe gegrĂŒndet. Mundpropaganda hat den Rest dazu getan. “Sonst wird das derzeit in Berlin vor allem Managern als Therapie zum Stressabbau geboten”, sagt sie.

Meiers Initiative hat einen illustren Kreis aus KĂŒnstlerinnen, Musikerinnen, PĂ€dagoginnen, Designerinnen zusammengefĂŒhrt. Ma-Lou Bangeter, die Alphorn spielen kann, ist dabei. Christel E., eine aus Potsdam stammende Kulturarbeiterin, die das Jodeln vom schlesischen Vater lernte. Auch Isabell P. ist da. “Babys spielen mit ihrer Stimme und es klingt nach Jodeln”, sagt die Hebamme. “So mit drei, vier Monaten machen die das.”

In der Tat sollen Kinder keine Probleme haben, das Jodeln zu lernen. Erwachsenen soll es schwerer fallen, weil sie einen verschulten Zugang zum Singen hĂ€tten, sagt Hammer, die von den JodelschĂŒlerinnen mittlerweile verlangt, dass sie sich aus dem Gleichgewicht bringen. Wie betrunken wackeln sie an den VogelhĂ€uschen vorbei. “Sind die Knie jetzt halbwegs weich?”, fragt die Lehrerin.

Plötzlich singt Hammer ein A. Es wirkt wie ein Geheimzeichen. Alle stimmen ein. “Ihr mĂŒsst die Vibration in der WirbelsĂ€ule spĂŒren”, ruft Hammer in die A-Flut, die das Atelier einnimmt, wie vorher das “Allah” der Muslime einen Stock tiefer. “Macht den Mund ganz auf”, ruft Hammer. “Denkt euch einen Knödel im Mund.” Das dutzendfache A verdichtet sich, bildet Obertöne. “Wenn’s vibriert, geht’s einen Halbton höher.”

Das A-Meer schwappt ĂŒber. Es klingt zuerst wie vorbeirauschende Autos und schon bald wie Wind, der Oberleitungen zum Klingen bringt. Am Schluss endet es im Chor.

“Wie fĂŒhlt es sich an?” fragt Hammer. “Eng”, antwortet eine Frau. “Wenn’s eng wird, mit dem Mund einen Trichter machen”, sagt Hammer, geht zu ihrem Ordner und zieht die NotenblĂ€tter fĂŒr einen neuen Jodler aus ihrem Hefter.

“Amaibu oiei” soll gesungen werden. “Ein Jodler der PygmĂ€en”, erklĂ€rt Hammer. Ein Kanon ist es. Er soll die KlĂ€nge des Regenwaldes imitieren.

Die Jodlerinnen im Atelier schaffen drei Stimmen. Das “oi oi oi, ama ama ama, ibu ibu ibu, oiei oiei oiei” reiht sich wie Perlen aneinander und fĂŒllt den Raum wie ein rauschender Klangteppich. Ingrid Hammer gibt die EinsĂ€tze und tanzt – getrieben von imaginĂ€rer Trommelmusik – von einem Bein aufs andere dazu.

“Und jetzt ein österreichischer Jodler dazu.” Sie kommt mit einem neuen Zettel. “NĂ€chstes Mal verbinden wir die und hören, wie es klingt.”

“Haudrileiho” heißt der Jodler, der zu “Amaibu” passen soll. Er ist ganz langsam. “Djohi, djohi” gibt Hammer den Text vor, “ein schönes o”, ruft sie in die Runde “und das i nicht rauslassen, sondern rausseufzen.” Ziel des Ganzen: “Durch einen schnellen Vokalwechsel den Glottisschlag in der Stimme zu erreichen.” Anders als beim klassischen Gesang soll man hören, dass die Stimme von der Brust in den Kopf wechselt. Das macht den Jodler aus.

Die Jodlerinnen stehen im Kreis und singen sich durch die drei Stimmen von “Hau dri lei ho”. Zusammen funktioniert es jedoch noch nicht. “Ihr mĂŒsst ans Seufzen denken”, ruft Hammer. Aber das Neue ist zu anstrengend heute.

Um die Lust nicht zu verlieren, nehmen sich die Jodlerinnen die Jodler vor, die sie in den vorherigen Stunden geĂŒbt haben: “In Vatern seiner”, “Holadri jo idi ri”. Wenn die Vielstimmigkeit gelingt, vibrieren die VogelhĂ€uschen, die an FĂ€den von der Decke des Ateliers hĂ€ngen, ganz leicht. Nach zweieinhalb Stunden lĂ€sst man sie einfach ausschwingen.

“In Bayern sagt man: ,Saufts euch zamme’. Bei uns heißt’s: ,Seufzt euch zamme’”, sagt Daniela von Raffay, als sie spĂ€ter im Rollstuhl auf den Aufzug wartet.