Das Berliner Naturtonfestival

Haben Sie schon mal ihren Staubsauger mehrstimmig singen gehört? Die verschiedenen Klänge, die die Kaffeemaschine erzeugt? Den Mixer? Oder haben Sie Schwierigkeiten, einen Ton, den man Ihnen vorsingt, „richtig“ nachzusingen? –
Vielleicht sind Sie nicht überdreht oder unmusikalisch, sondern einfach „naturtonhörig“? Vielleicht hören Sie Obertöne/Naturtöne?

Das Berliner Naturtonfestival will einen Einblick in die Welt der Naturtönigkeit geben. Seit 2011 werden in Konzerten, Workshops und Symposien Theorie und Praxis dieser lange vergessenen musikalischen Stimmung vorgestellt und erlebbar gemacht.

Ein Naturton kommt niemals allein.
Über jedem Ton, den wir hören, schwingen Töne mit, die zu hören wir weniger geübt sind und deren Existenz sich uns nicht aufdrängt. Jedes Geräusch, jeder Ton, erzeugt solche Töne, die wir hören können, wenn wir die Ohren öffnen. Es sind die sog. Obertöne oder Naturtöne. Sie schwingen in unendlicher Zahl und in bestimmten Frequenzabständen auf dem Grundton. Da die Reihe („Naturtonreihe“) unendlich ist, schwingen auf einem Grundton theoretisch alle Töne unseres Tonsystems; sie entstehen alle über diesem einzigen Ton. “Ein Ton enthält alle Symphonien Beethovens, alle Sonatinen Mozarts und alle Muotataler Jüüze.” (Peter Roth / Vortrag Jodelsymposium 2011)
Die Vorstellung dieser Ganzheit war und ist noch immer wesentlicher Bestandteil ritueller Musik. Bis ins 18. Jahrhundert hat sie das gesamte musikalische Schaffen in Europa geprägt.

Es ist erst knapp 250 Jahre her, dass in Europa die chromatisch-temperierte Stimmung eingefĂĽhrt wurde. Sie ersetzte die jahrtausendealte Naturtonreihe durch eine gleichmäßige Temperierung – also 12 völlig gleiche Halbtonstufen in einer Tonskala. Die „wohltemperierte Stimmung“ ist ein artifizielles Produkt und nirgendwo vorgegeben, weder physikalisch noch physisch: in der Natur gibt es solche Tonstufen nicht. Trotzdem hat sie die Naturtonreihe in Europa und – durch die Kolonisierung – in vielen anderen Teilen der Welt verdrängt. Seit damals gilt die Naturtonreihe als „primitiv“, archaisch.

Es gibt allerdings Instrumente und musikalische Traditionen in Europa, die sich nicht an die neue Temperierung anpassen lieĂźen, u.a. das Alphorn und der Muotataler Juuz.
Folgerichtig waren die ersten Gäste des Berliner Naturtonfestivals eine Juuzergruppe aus dem Muotatal – „Natur Pur“ -, und der Alphornrevolutionär Balthasar Streiff (der mittlerweile Leiter des Berliner Alphornorchesters ist).

Veranstaltet wird die Festivalreihe von Ingrid Hammer unterstĂĽtzt von urban yodeling e.V. sowie Ma-Lou Bangerter vom Berliner Alphornorchester.

Die Veranstalter hoffen, mit dem Festival einen Beitrag zur Wiederbelebung des naturtönigen Musizierens zu leisten. Denn das Singen und Musizieren im Naturtonsystem ist eine Erweiterung des abendländischen Tonsystems. Und da jeder Ton ganz bestimmte Regionen in unserem Körper zum Schwingen bringt – wer weiĂź, welche „Gestimmtheit“ das geheimnisvolle Naturton-Fa in uns zum Leben erweckt?

Das Naturtonfestival wird hauptsächlich über Spenden finanziert. Wenn Sie sich mit einer Spende an der Realisierung beteiligen wollen, können Sie das über den gemeinnützigen Verein urban yodeling e.V.

Die bisherigen Festivals:

1. Berliner Naturtonfestival 27.-30. April 2012
Gäste:
„Natur Pur“ / Juuzergruppe aus dem Muotatal
Balthasar Streiff / Alphorn, Büchel, Tierhörner

2. Berliner Naturtonfestival 26.-30. April 2013
Gäste:
Trio Mravalo aus Georgien / Krimantschuligesang
Balthasar Streiff / Alphorn, Büchel, Tierhörner

3. Berliner Naturtonfestival 30. April – 3. Mai 2015
Gäste:
Naturjodelgruppe Stein AR (Appenzell Ausserrhoden)
Balthasar Streiff / Alphorn, Büchel, Tierhörner
Prof. Dr. Frank Scherbaum (Univ. Potsdam) „Klang ist ĂĽberall“ (Vortrag)

4. Berliner Naturtonfestival 27. April – 1. Mai 2017
Gäste:
Su Hart, Martin Cradick und Eleanor Boreham / GB
(Yellis und Klänge der Baka-Pygmäen aus dem Regenwald in Kamerun)
Balthasar Streiff / Alphorn, Büchel, Tierhörner

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