Presse

„Vor dem Naturtonkonzert 28.04.2013“
Kulturradio 26.04.2013, 6:10
Beitrag Kulturradio

“Jodelkurs”

rbb-Antenne Brandenburg
Stefanie Brockhausen / 14.01.2013, 02:42 min
» zum Beitrag

„Jodeln in Berlin – nicht nur zur Weihnachtszeit“
Deutschlandradio Kultur
von Caroline Kuban / 14.12.2012, 08:40
» zum Beitrag

„Wenn im Regenwald gejodelt wird“
Beitrag zum 1. Berliner Naturtonfestival im Deutschlandfunk
von Matthias Nöther / 30. April 2012

„Portrait Ingrid Hammer“
Kulturradio April 2008

 

„Holleri du dödel di“

Tagesspiegel 27.04.2012 – von Anna Pataczek

Sie sind zwischen 30 und Mitte 60, ein paar Schweizer und Bayern sind darunter, aber auch viele aus Regionen jenseits des WeiĂźwurscht-Ă„quators. Trampolinspringen mit der Stimme: Ingrid Hammer gibt in Berlin Jodelunterricht. Jetzt tritt ihre Gruppe beim Naturtonfestival auf.

An diesem Abend gibt es einen Raucheggischen und einen Rinnegger, einen Summersberger, einen Muotathaler und ein Appenzeller Zäuerli. Für die Stimmbänder und für die Nachbarschaft. Die Männer und Frauen – mehr Frauen – bilden einen Kreis und stoßen aus ihren Kehlen urige Töne. Sie jodeln. Mitten in einem Schöneberger Klassenzimmer, ihrem Ausweich-Probenraum. Die Fenster sind offen, wahrscheinlich hört man die starken Stimmen über alle Straßentäler und Dachgebirge hinweg.

Die Gruppe probt für ihren großen Auftritt beim 1. Berliner Naturtonfestival (Sonntag, 29.5., 19 Uhr, Zwölf-Apostel- Kirche).
Da kommen die Schweizer Kollegen von Natur Pur in die deutsche Hauptstadt.

Sie stammen aus dem Muotatal, einer Region, in der das Jodeln noch auf eine sehr urtümliche Weise gepflegt wird. Selbst den übrigen Schweizern klingt das etwas schräg. Außerdem tritt das Berliner Alphornorchester zusammen mit dem Basler Balthasar Streiff auf, der für seine Experimente mit dem Instrument bekannt wurde. Es werden Workshops und ein Symposium angeboten. In der Walpurgisnacht, also in der Nacht zum 1. Mai, trifft man sich zum gemeinsamen Aufstieg auf den Spandauer Hahneberg. Aber vor allem geht es darum, die Jodel-Szene Berlins vorzustellen. Und die ist vielfältig.

Eine ihrer Protagonistinnen ist Ingrid Hammer, jene Frau, die im Kreis ihres Urban-Yodeling-Chors steht und Sätze sagt wie: „Eine 70 Jahre alte Gesangslehrerin hat mal zu mir gesagt, Sie dürfen ja aus allen Löchern singen, Frau Hammer, nur nicht aus dem Mund.“ Oh ja, Jodeln ist eine komplizierte Angelegenheit. Die Töne klingen, als würden sie vor den Mündern vor sich hergetragen. „Wenn’s in den Ohren kitzelt, dann ist es richtig“, sagt Ingrid Hammer, eine Grazerin, die seit 30 Jahren in Berlin lebt und sich ihren Dialekt bewahrt hat. Wenn sie selbst in den mehrstimmigen Gesang mit Vorjodlern, Haupt- und Nebenstimme einsetzt, dann wirft sie ihren Kopf nach hinten, die Nase zieht sich ein bisschen kraus und die Füße stampfen auf. Dann schaukelt ihr langer Zopf. Hammer leitet nicht nur den Chor, sie gibt Kurse, jodelt im Trio La vache qui crie und der Formation Transalpin.

Alle werden beim Naturtonfestival auftreten. Als Naturtöne bezeichnet man Obertöne, die über jedem Grundton mitschwingen. Legt man sie in eine Reihe hintereinander, ergibt sich daraus die Naturtonreihe. Alphörner klingen naturtönig, Jodler können das auch. Für europäische Ohren hörst sich das häufig ziemlich schräg an. Wir sind an die wohltemperierte Stimmung gewöhnt, wie sie etwa das Klavier vorgibt.

Ingrid Hammer selbst hat das Jodeln von einer mongolischen Sängerin gelernt. Dabei gibt es in der Familie sogar professionelle Jodler, die Laufnitztaler Sänger. Aber erst aus der Distanz, auf der Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksformen kehrte die Regisseurin und Schauspielerin zurück zu ihren Wurzeln. Inzwischen ist sie eine gefragte Lehrerin. So unterrichtet sie unter anderem am Konservatorium in Winterthur.

„Bitte das ‚I’ weniger schrill singen“, fordert Hammer ihre Gruppe auf, „etwas steirischer.“ Sie meint: dunkler, erdiger. Wenn es ums Jodelnlernen geht, ist die Österreicherin sehr genau, da müssen die Nuancen schon authentisch sein. Viele Stücke entnimmt sie einem Gesangsbuch des Musikethnologen Josef Pommer, der Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals die vielen mündlich überlieferten „444 Jodler und Juchezer aus der Steiermark und dem Steirisch-Österreichischen Grenzgebiete“ niedergeschrieben hatte. Mit La vache qui crie und Transalpin pflegt Ingrid Hammer dagegen Crossover. Da gibt es elektronische Loops, gehackstückelte Dialekt-Phrasen und Ausflüge in alle möglichen Regionen der Welt. Denn gejodelt wird seit Urzeiten nicht nur im Alpenraum. Berge braucht es dazu nicht. Nur viele Vokale, zwischen denen man den Überschlag von Kopf- und Bruststimme macht. Ingrid Hammer vergleicht das mit Trampolinspringen.

„Joik“, so heißt der Jodler bei den Samen, der Urbevölkerung Lapplands: „Hej jo lei la le jo la“, singt der Urban-Yodeling-Chor in Schöneberg. Es klingt heiterer und knatschiger als die alpenländischen Jodler – und wie bei allen Obertongesängen seltsam berührend archaisch. Was man mit der Stimme alles machen kann! In Zentralafrika jodeln die Pygmäen vor der Jagd und vor dem Honigsammeln, um die Geister der Tiere und Insekten zu besänftigen. In Palästina wird bei Hochzeitsvorbereitungen eine Art Jodler angestimmt, während die Braut angekleidet wird und der Bräutigam rasiert. Auf Hawaii stimmen junge Männer unter den Fenstern ihrer Angebeteten einen Obertongesang an, so lange, bis ihnen geöffnet wird.

Auch in Georgien wird gejodelt, dort nennt man das Krimantschuli-Gesänge. „In Georgien bedeutet Singen immer Gemeinschaft“, erklärt Ingrid Hammer. Zum Beispiel sängen die Männer häufig mit den Armen ineinander gehakt, so spüren sie die Körper der anderen. Das Jodeln versetzt den Körper in besondere Schwingung. Das merkt man auch im Berliner Probenraum, bei manchen Klängen vibrieren sogar die Stühle im Raum. Was für eine Power. Ingrid Hammer würde gerne einmal in einer wissenschaftlichen Studie untersuchen lassen, was für Hirnströme das Jodeln auslöst. Sie ist sich nämlich sicher: „Jodeln euphorisiert.“

Das ist es auch, was die meisten Berliner Jodler hierher zieht. Sie sind zwischen 30 und Mitte 60, ein paar Schweizer und Bayern sind darunter, aber auch viele, die aus Regionen jenseits des Weißwurscht-Äquators stammen und Jodeln früher einfach nur volkstümelnd fanden, Alm-Öhi-Kitsch. Einige haben den Schweizer Dokumentarfilm „Heimatklänge“ gesehen, in dem der Regisseur Stefan Schwietert drei traditionelle und experimentelle Stimmkünstler porträtiert. Sie sagen, das habe alles verändert. „Jodeln ist einfach entspannend!“, „Jodeln macht gute Laune!“, „Der ganze Körper wird gelüftet!“ Eine Frau fügt noch hinzu: „Da habe ich was Eigenes. Da habe ich mein Jodel-Diplom.“ Frau Hoppenstedt lässt grüßen. Alle lachen. Bevor mal wieder jemand einen doofen Witz mit Loriot und seiner Jodel-Schule macht („Holleri du dödel di / Diri diri dödel du“) übernimmt das die Gruppe schon selbst.

 

“Freudig geschmetterte `Hola-dri-jo´“ 

Die Höhen der alpinen Gesangskunst: Ein Jodelkurs in der Villa Leon
NĂĽrnberger Nachrichten 14.06.2010

NĂśRNBERG – Mittlerweile gehört es zum Erfahrungsschatz der meisten Deutschen, dass man sich in mancher Alltags-Situation vorkommt wie in einem Loriot-Sketch. Der Streit um das Vier-Minuten Ei, Peinlichkeiten wie die Nudel am Kinn während der Liebeserklärung – kennen wir alle. Aber wer kann schon von sich behaupten, einmal an einem Jodelkurs teilgenommen zu haben? Genau ein solcher fand jetzt in der Villa Leon statt. Unser Mitarbeiter erklomm furchtlos die Höhen der (nicht nur) alpinen Gesangskunst…

Eines vorweg: Ob nun »Hola-dri-jo« oder »Hola-dri-ju« das zweite Futur nach Sonnenaufgang markiert, weiß ich immer noch nicht, dafür bin ich aber um mindestens eine Erkenntnis reicher: Jodeln ist tatsächlich, wie die Vorankündigung versprach, äußerst entspannend und Stress abbauend – und macht einfach einen Heidenspaß.

17 Frauen und fünf Männer, darunter Twens genauso wie Endfünfzigerinnen, haben sich in der Villa Leon eingefunden, um sich von den Dozenten Ingrid Hammer und Sigurd Bemme vom Vokalensemble »Transalpin« einen Gesangsstil beibringen zu lassen, den viele nach wie vor mit verkitschter Heimatfilm-Romantik assoziieren. Dabei jodelt man beileibe nicht nur in den Alpen, sondern auf der ganzen Welt, unter anderem im zentralafrikanischen Regenwald, in Kolumbien, in Georgien, bei den Inuit in Alaska oder den Sami in Norwegen.

Wie Hubert von Goisern

Genauso vielfältig sind die Beweggründe, die die Teilnehmer zu dem zweitägigen Workshop geführt haben: Camilla wurde von ihrem Heilpraktiker zum »Heiljodeln« animiert und möchte ihre Erkenntnisse nun vertiefen. Anita, Musikerin, will zurück zu ihren Wurzeln und sagt sich »Wenn der Hubert von Goisern das kann, dann kann ich das auch«. Ria wiederum macht eine Abschlussarbeit über Gesangstechniken. Ich für meinen Teil würde wohl nie ohne schmerzhaften Grund jodeln, hätte mich die Zeitung nicht hierher geschickt, bin als weltoffener Musiker aber immer für skurrile Selbstversuche zu haben. Nun denn.

Das Jodeln beginnt mit einem langen, tiefen Seufzer. Wir stehen in einem großen Kreis, haben uns am Kopf an einer imaginären Schnur aufgehängt und stöhnen, seufzen und gähnen was das Zeug hält. Wüsste ich nicht, dass solche Aufwärmübungen genauso wichtig wie effektiv sind, käme ich mir unter Umständen etwas lächerlich vor.

Schmachtender Mehrklang

Ingrid gelingt es jedoch mit ihrer direkten, unverstellten Art, nicht nur die körperlichen, sondern auch die seelischen Verkrampfungen zu lösen und so sind wir nach einer halben Stunde Lockerungs-, Konzentrations- und Stimmtraining bereit für den ersten, elementaren Schritt zum großen Jodeldidü: Der Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme. Was nach der klassischen Gesangslehre möglichst geschmeidig und übergangslos geschehen sollte, braucht beim Jodeln ein abruptes »Kippen« von der einen in die andere Lage. Anfangs tapse ich noch etwas unsicher suchend durch die Intervalle, doch unter Sigurs Anleitung finde ich bald meinen Platz im sehnsüchtig schmachtenden Mehrklang: »Tjo-tjo-ri-ri-di jo-e-tjo i-ri!« Na sowas, das klingt ja richtig schön!

Wenige Stunden später haben Ingrid und Sigurd aus diesem wenig homogenen Gemisch von Hobby-, Profi- und Badewannensängerinnen einen respektablen Chor geformt, der den »Rinegger Dreier« in kraftvoller Dreistimmigkeit jodelt, durchaus hörbare Sextette bildet und beim afrikanischen Pygmäen-Kanon »Amaibu« die Schädeldecke zum Vibrieren bringt. Und als zwischendurch die Frage aufkommt, ob es am Ende des dritten Taktes denn nun »ho-la-dri« oder »jo-i-ri« heißt, lässt der gute Loriot dann doch mal kurz sein spöttisches Lächeln aufblitzen.
nn

 

„Steiererin des Tages – Jodeln in der Berliner Luft“

Kleine Zeitung / Steiermark, 22. April 2008
Sonja Hasewend / Berlin

Die Grazerin Ingrid Hammer gibt in der deutschen Hauptstadt Jodelkurse.
Das Jodeln hat sie selbst von einer mongolischen Sängerin gelernt.

Es ist in einer der weniger schönen Gegenden in Berlin, mit viel Schmutz und wenig Geld. Dort, in einer alten Fabrik im Arbeiterbezirk Wedding, mit Moschee im Hinterhof, spielt sich jeden Dienstag- und Mittwochabend Eigentümliches ab. Mehrere Menschen stehen in einem Raum, reiben sich die Hände, seufzen, kreisen die Hüften wie Hampelmänner und kauen ihr Gesicht durch. Es sind die Aufwärmübungen für das, was die gebürtige Grazerin Ingrid Hammer den Kursteilnehmern nahe zu bringen versucht: Das Jodeln.

Jauchzen und Klagen

Alpenländische Klänge tönen aus preußischen Kehlen. Doch nicht nur aus solchen, erzählt Hammer. Neben waschechten Berlinern seien Österreicher, Schweizer und andere Zugezogene mit Eifer dabei. „Viele verbinden diesen beseelten Gesangsstil mit Freiheit. Jodeln hat mit Jauchzen und Klagen zu tun“, sagt die rothaarige Frau in steirischem Dialekt. Die mehr als 26 Jahre in Berlin machen sich in ihrer Sprache kaum bemerkbar.

Sie selbst hatte bis vor wenigen Jahren nichts mit Jodeln am Hut. „Ich fand das furchtbar“, erzählt Hammer, die in Graz studiert hat und in Berlin  die Vokalgruppe transalpin & Gäste leitet. Über die Weltmusik fand sie zur Musik von dort, wo sie herkommt und begann, das Jodeln zu erforschen. Auch im steirischen Volksliedwerk. „Die haben ein sehr gutes Archiv und unglaublich kompetente und nette Mitarbeiter“, betont Hammer.

Die Technik hat sie von einer mongolischen Sängerin gelernt. Gejodelt wird auf der ganzen Welt, auch wenn es sich nicht überall so nennt. Und so erklingt auch an diesem Abend ein stimmkräftiges „A-ma-i-bu-o-i-e-i“, ein Pygmäengesang. Ein steirisches „Hola-dri jo i-di ri“ schließt sich an. Bei Ingrid Hammer weckt das Erinnerungen an ihre alte Heimat, die sie zweimal im Jahr besucht. In Berlin kommt ihr steirischer Einfluss gut an. „Ingrid ist der beste Alpenexport, den ich kenne“, sagt eine Kursteilnehmerin lachend.

 

„In Berlin das Jodeln entdecken“

swissinfo.ch, 6. März 2008  – Paola Carega

Weit weg von den Alpen haben ein paar Schweizerinnen das Jodeln für sich entdeckt und in Berlin eine Jodelschule gegründet. Nun jauchzen ausgewanderte Eidgenossinnen, Freunde der Alpenländer und Berlinerinnen vielstimmig im Chor.

Es braucht nicht immer Berge, um zu jodeln. Ein schlichtes Atelier in einer Berliner Fabriketage und ein Dutzend stimmkräftige Frauen mit einer charismatischen Lehrerin tun es auch, um die Urform alpiner Kommunikation zu pflegen.

Punkt 20 Uhr stehen sie erwartungsvoll da, Ingrid Hammers JodelschĂĽlerinnen. Ein paar herzliche BegrĂĽssungworte, dann stellen sich alle im Kreis auf. Bevor das eigentliche Jodeln beginnt, will erst der Körper gelockert und die Stimme aufgewärmt werden. Die Frauen, die meisten zwischen 40 und 60 Jahre alt, federn in den Knien. Dann rollen sie von den Fersen auf die Zehenspitzen, reiben sich die Hände feurig und drehen ihre HĂĽften um eine imaginäre Acht herum. Erst langsam, dann immer schneller. “Und nie vergessen – seufzen. Seufzt laut ĂĽber alles, was euch belastet”, sagt Ingrid Hammer.

Freiheit und Weite

Danach mĂĽssen die Frauen mit der Zunge abwechselnd das Kinn und die Nasenspitze berĂĽhren. “Ist euch jetzt warm?”, fragt die Jodellehrerin und stimmt ein A an. Zwölf Frauenstimmen von Alt bis Sopran antworten; bis in den Hinterhof ist der Chor zu hören.

Die Idee, Jodelkurse in Berlin anzubieten, stammt von der Schweizerin Anita Meier, die schon seit 25 Jahren in der Stadt an der Spree lebt. “Ich fand Jodeln frĂĽher unmöglich”, erzählt sie. Erst der Film “Heimatklänge” von Stefan Schwietert, der kĂĽrzlich den Schweizer Filmpreis fĂĽr den besten Dokumentarfilm gewonnen hat, öffnete ihr die Ohren fĂĽr die Vielfalt und Schönheit des textlosen Singens. “Plötzlich war Jodeln mit Freiheit und Weite verbunden.” Die Grafik- und Internet-Designerin wollte es genau wissen und – mit ausreichend Distanz zum Heimatland – das Jodeln von Grund auf lernen.

Ăśber die “Schwiizlis”, das Netzwerk freischaffender Schweizer in Berlin, fand sie Gleichgesinnte; den Rest erledigte Mundpropaganda. “Mit der Sängerin Ingrid Hammer konnten wir eine professionelle Lehrerin gewinnen, so dass der erste Kurs sofort ausgebucht war”, sagt Meier.

Derzeit werden drei Kurse mit jeweils 15 Schülerinnen und Schülern – es gibt auch ein paar jodelnde Männer – angeboten.

Entspannender als Yoga

Der erste Jodel wird angestimmt: “Amaibu o-ie-i”, ein Kanon aus dem Volk der Baka-Pygmäen in Zentralafrika. Kraftvoll schmettern die Frauen ihre “o-ie-i” in die Runde.

“Beim Jodeln hole ich die Töne aus dem ganzen Körper und darf richtig laut sein”, sagt die KĂĽnstlerin Lis Blunier, die ihre Räume fĂĽr die Jodelkurse zur VerfĂĽgung stellt. Ausserdem sei es ein ideales Ventil, um Alltagsstress abzubauen, meint die gebĂĽrtige Bernerin. “Eine Studie hat gezeigt, dass Jodeln entspannender ist als Yoga.”

Auch die anderen Kursteilnehmerinnen, die Mehrheit sind ĂĽbrigens Deutsche, loben die befreiende Wirkung des Jauchzens. “Es macht einfach Spass und ist so schön bodenständig”, sagt Katharina Zierold, die seit einem halben Jahr dabei ist.

Nach dem kleinen Ausflug in den zentralafrikanischen Regenwald geht es in die Schweiz: “Dr Zuger” ist an der Reihe. Voll und rund erschallt der zweistimmige Chor. Doch die Jodellehrerin ist noch nicht zufrieden. “Versucht, ĂĽber die ganze Atemsequenz den Druck aufrechtzuerhalten.”

Konzentriert beginnen die Frauen von vorne. “Schon viel besser”, lobt Hammer und wippt in ihren Turnschuhen im Takt mit.

Anfänger singen

Hammer ist eigentlich Regisseurin und Sängerin, zum Jodeln ist sie ĂĽber den Umweg der Weltmusik gekommen. “Alle Menschen können jodeln”, sagt die gebĂĽrtige Ă–sterreicherin. Viel Praxis ist allerdings nötig, denn der wortlose Gesang hat seine TĂĽcken.

“Charakteristisch und schwierig ist der schnelle und – im Unterschied zum Singen – hörbare Wechsel von der Kopf- zur Bruststimme”, erklärt Hammer. “Glottisschlag” oder “Jodelschnapper” wird die Technik genannt. Doch was Babys noch leicht gelingt, mĂĽssen Erwachsene erst wieder lernen. “Anfänger singen eher, als dass sie jodeln”, räumt Hammer ein.

Doch wer fleissig übe, könne schon bald seinen ersten herzzerreissenden Jauchzer über die Berge schicken, oder in die Berliner Hinterhöfe.

 

„Trampolinspringen mit der Stimme. Warum immer mehr Berliner dem Jodeln verfallen“

Berliner Morgenpost, 9. Februar 2008 – dpa – Caroline Bock

Lange waren die Vorstellungen der meisten Deutschen recht begrenzt, was das Thema Jodeln angeht: Evelyn Hamann, die im Loriot-Sketch einen Jodelkurs absolviert, um ein Diplom und “etwas Eigenes” zu haben. Marianne und Michael oder die singenden Schwestern Gitti und Erika mit der “Heidi”-Titelmelodie.

Das hat sich geändert. Auch jenseits der Alpen sind Klänge wie “Ho la – dri jo i- di ri” immer öfter zu hören. Sogar in der alten PreuĂźenmetropole Berlin kann man jetzt das “textlose Singen mit fortwährendem Registerwechsel zwischen Brust- und Kopfton” lernen, so wird Jodeln wissenschaftlich definiert.

Neun Frauen und drei Männer sind an diesem Winterabend zum Jodelkurs der Grazerin Ingrid Hammer in ein Atelier in Wedding gekommen. Viele ihrer Kursteilnehmer haben Stefan Schwieterts poetischen Dokumentarfilm “Heimatklänge” im Kino gesehen, der einen ganz neuen Blick auf die alte Tradition des Gesangs wirft.

Gut eine halbe Stunde stehen Atem- und LockerungsĂĽbungen auf dem Programm: Klatschen, Wippen, mit den HĂĽften kreisen, Grimassen schneiden. Dann der erste Ton. Ein „aaaaa“ fĂĽllt den Raum, die Gruppe rĂĽckt zusammen. Der Ton soll im RĂĽcken zu spĂĽren sein und dann, im Bruchteil einer Sekunde, als “iii” in den Kopf springen. Gar nicht so einfach. “Es ist gut, wenn ihr euch körperlich reinlegt”, empfiehlt die Lehrerin. „Das ist Trampolinspringen mit der Stimme.“

Jodeln lernen ist anstrengend, eine Teilnehmerin wechselt ihr verschwitztes Hemd. Und: Gejodelt wird auch mit Noten. Das erste Lied erklingt: “A-ma-i-bu o-i-e-i”, ein Kanon des Volks der afrikanischen Baka-Pygmäen, das klappt schon ganz gut. Zumindest beschwert sich der Nachbar im Kreis nicht, auch wenn man denkt, dass die eigenen Töne klingen wie der Schrei eines Esels. Schwieriger wird es beim “Hul je du-li jo i- di ri” des “Kufsteiner Jodlers”. Der Ăśberschlag oder “Glottisschlag”, klappt einfach nicht. Aber im Chor klingt es voll und rund zumindest fĂĽr den Laien. Nach zwei Stunden sind alle erschöpft, aber glĂĽcklich.

Jodeln ist gesĂĽnder als Yoga, kräftigt die Lungen und baut Stress ab, haben Forscher an der Universität Graz herausgefunden. “Ich bin drei Tage danach gut drauf”, sagt Teilnehmerin Lis.

Der Kurs lockt ein kreativ-akademisches Publikum an, das neugierig und offen ist. Einige kommen ĂĽber das Schweizer Berlin-Netzwerk “Die Schwiizlis”, oder aus Bayern oder Ă–sterreich, aber auch zwei Amerikanerinnen sind dabei. Und warum ausgerechnet Jodeln? “Ich wollte wieder singen”, sagt Szenenbildnerin Meike, die angenehme Erinnerungen an frĂĽher hat, als ihr Vater gelegentlich im Auto jodelte. “Ich hatte Heimweh”, sagt Isabell, Verlagsmitarbeiterin aus Bayern.

Die Regisseurin und Sängerin Ingrid Hammer tritt selbst mit dem Vokaltrio transalpin auf, das Musik aus verschiedenen Kulturen kombiniert. Zum Jodeln kam die Ă–sterreicherin ĂĽber die Umwege der Weltmusik und die Distanz zur Heimat. “Ich fand Jodeln lange ganz furchtbar”, sagt sie. Ein Seminar bei der mongolischen Obertonsängerin Sainkho Namtchylak weckte ihr Interesse an der Technik des Jodelns.

Danach begann sie, in ihrer Heimat zu forschen und absolvierte Seminare des Steirischen Volksliedwerks mit den Steiner-Sängern. Ein Jodeldiplom gibt es bei Ingrid Hammer zwar nicht. Aber sie tröstet eine SchĂĽlerin, die erschöpft in der Pause fragt: “Ist Jodeln grundsätzlich fĂĽr alle lernbar?” Die Antwort der Expertin: “Ja, natĂĽrlich.”

 

„Gut geseufzt ist halb gejodelt“

TAZ, 6.11.2007 – Waltraud Schwab

Das hat Berlin noch gefehlt: Nach dem Samba-, Tango-, Bauchtanzfieber entdeckt man in der Hauptstadt das Jodeln. Im Wedding sitzt die erste Keimzelle und ĂĽbt Gesänge aus der ganzen Welt Berliner Schweizerinnen haben das Jodeln entdeckt. Es geht: “Holadri jo” oder “Dra je hul jo idiri” oder “Haudrileiho”. Weil diese Urform alpiner Kommunikation keine Grenzen kennt, treffen sich Frauen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum im Atelier der Schweizer KĂĽnstlerin Lis Blunier in einer Weddinger Fabriketage zum Ăśben.

Bevor aus den Silbenkombinationen aber Jodler werden, mĂĽssen die Jodelwilligen die steilen Treppen der Fabrik hochsteigen. Vorbei an der Beyazid-Hinterhofmoschee. Die rhythmisch wiederkehrenden Koranrezitationen der Betenden dringen durch die TĂĽr und mischen sich mit dem Rattern der S-Bahn, die vor dem Fenster vorbeifährt. Nach und nach trudeln ein Dutzend gestandene Frauen im Atelier ein. (…)

Ingrid Hammer ist auch schon da. Die Jodellehrerin ist vor einem Vierteljahrhundert aus der Steiermark nach Berlin gekommen. Obwohl in ihrer Familie Jodler sind, hat sie das Jodeln selbst von einer mongolischen Sängerin in Berlin gelernt. Hammer interessiert sich fĂĽr Gesangssysteme aus aller Welt. In ihrem Projekt “Leittöne” vermischt sie sie. Bei ihrer neuesten Performance stehen Muezzinrufe neben barocker Kirchenmusik. Die Juchzer aus den Alpen neben mehrstimmigen Liedern aus dem Balkan. Schuhplattler neben liturgischen Gesängen, Jodler neben Sufiliedern. Eines geht nahtlos ins andere ĂĽber.

Die Jodelaspirantinnen haben mit Hammer eine leidenschaftliche Trainerin. Ihr Temperament hilft, jede SchĂĽchternheit zu vertreiben. Denn wer jodeln will, darf sich nicht zieren. So grandios der schnelle Wechsel von der Brust- zur Kopfstimme, und damit das KernstĂĽck des Jodlers, ist – bevor die Frauen es können, mĂĽssen sie die Resonanzräume im Körper vom täglichen Ballast befreien.

Die JodelschĂĽlerinnen werden aufgefordert, sich ihre Hände feurig zu reiben, sie sich dann aufs Gesicht zu legen und dabei zu seufzen. “Seufzt ĂĽber alles, was euch bedrĂĽckt. Seufzt euch aus”, sagt Hammer. “Gut geseufzt ist halb gejodelt”, raunt eine Frau, die sich als Thea vorstellt. Sie trägt feste Schuhe zum kurzen Rock, arbeitet als Heilpraktikerin und liebt das Jodeln, weil es die Brust von Traurigkeit befreit. “Ich spiele doch Klarinette. Manchmal konnte ich gar nicht spielen, weil ich immer weinen musste.” Jodeln fĂĽllt das Leere in ihr, das sonst in Tränen aufgeht.

Im Atelier jedenfalls, in dem lauter Vogelhäuschen von der Decke hängen – Lis Bluniers neues Projekt nennt sich “Vogelhausstadt” – wird geseufzt, was das Zeug hält. Danach wird gewiehert. Dann mĂĽssen sich die Frauen das Gesicht vom Wind wegwehen lassen. Zwölf Frauen verziehen ihre Augen, ihre MĂĽnder in die geforderten Richtungen und wippen sich dabei wie eine Herde bellender Wölfinnen in eine körperliche Leichtigkeit. Sie lassen die Zungen heraushängen und seufzen. Sie wippen und stöhnen. Sie schĂĽtteln sich und lachen. “Das Jodeln löst bei den meisten Leuten ein Wohlbehagen aus”, sagt Hammer. “Man kann klagen, aber es ist trotzdem schön.” Sie meint das echte Jodeln, nicht den verpoppten Jodelkitsch, wie er in Volksmusiksendungen vermarktet wird.

Im Atelier steigt die Stimmung, obwohl noch gar nicht gejodelt wurde. Die Frauen necken sich mit ihren Fratzen, lassen imaginäre Bälle an sich abprallen oder sie stellen sich vor, dass eine Schnur durch ihr Brustbein geht und sie sich drum herum drehen. “Denkt euch, die Brustwarzen machen die Kreise”, ruft eine Teilnehmerin. “Oh Gott, jetzt hab ich die Orientierung verloren”, kreischt eine andere. So arbeiten sich die Aspirantinnen durch die Körperzonen. “Seufzen nicht vergessen!”

Anita Meier, gebĂĽrtige Schweizerin, die auch schon lange in Berlin lebt, und sich als Internetdesignerin verdingt, hat die Jodeltruppe gegrĂĽndet. Mundpropaganda hat den Rest dazu getan. “Sonst wird das derzeit in Berlin vor allem Managern als Therapie zum Stressabbau geboten”, sagt sie.

Meiers Initiative hat einen illustren Kreis aus KĂĽnstlerinnen, Musikerinnen, Pädagoginnen, Designerinnen zusammengefĂĽhrt. Ma-Lou Bangeter, die Alphorn spielen kann, ist dabei. Christel E., eine aus Potsdam stammende Kulturarbeiterin, die das Jodeln vom schlesischen Vater lernte. Auch Isabell P. ist da. “Babys spielen mit ihrer Stimme und es klingt nach Jodeln”, sagt die Hebamme. “So mit drei, vier Monaten machen die das.”

In der Tat sollen Kinder keine Probleme haben, das Jodeln zu lernen. Erwachsenen soll es schwerer fallen, weil sie einen verschulten Zugang zum Singen hätten, sagt Hammer, die von den JodelschĂĽlerinnen mittlerweile verlangt, dass sie sich aus dem Gleichgewicht bringen. Wie betrunken wackeln sie an den Vogelhäuschen vorbei. “Sind die Knie jetzt halbwegs weich?”, fragt die Lehrerin.

Plötzlich singt Hammer ein A. Es wirkt wie ein Geheimzeichen. Alle stimmen ein. “Ihr mĂĽsst die Vibration in der Wirbelsäule spĂĽren”, ruft Hammer in die A-Flut, die das Atelier einnimmt, wie vorher das “Allah” der Muslime einen Stock tiefer. “Macht den Mund ganz auf”, ruft Hammer. “Denkt euch einen Knödel im Mund.” Das dutzendfache A verdichtet sich, bildet Obertöne. “Wenn’s vibriert, geht’s einen Halbton höher.”

Das A-Meer schwappt ĂĽber. Es klingt zuerst wie vorbeirauschende Autos und schon bald wie Wind, der Oberleitungen zum Klingen bringt. Am Schluss endet es im Chor.

“Wie fĂĽhlt es sich an?” fragt Hammer. “Eng”, antwortet eine Frau. “Wenn’s eng wird, mit dem Mund einen Trichter machen”, sagt Hammer, geht zu ihrem Ordner und zieht die Notenblätter fĂĽr einen neuen Jodler aus ihrem Hefter.

“Amaibu oiei” soll gesungen werden. “Ein Jodler der Pygmäen”, erklärt Hammer. Ein Kanon ist es. Er soll die Klänge des Regenwaldes imitieren.

Die Jodlerinnen im Atelier schaffen drei Stimmen. Das “oi oi oi, ama ama ama, ibu ibu ibu, oiei oiei oiei” reiht sich wie Perlen aneinander und fĂĽllt den Raum wie ein rauschender Klangteppich. Ingrid Hammer gibt die Einsätze und tanzt – getrieben von imaginärer Trommelmusik – von einem Bein aufs andere dazu.

“Und jetzt ein österreichischer Jodler dazu.” Sie kommt mit einem neuen Zettel. “Nächstes Mal verbinden wir die und hören, wie es klingt.”

“Haudrileiho” heiĂźt der Jodler, der zu “Amaibu” passen soll. Er ist ganz langsam. “Djohi, djohi” gibt Hammer den Text vor, “ein schönes o”, ruft sie in die Runde “und das i nicht rauslassen, sondern rausseufzen.” Ziel des Ganzen: “Durch einen schnellen Vokalwechsel den Glottisschlag in der Stimme zu erreichen.” Anders als beim klassischen Gesang soll man hören, dass die Stimme von der Brust in den Kopf wechselt. Das macht den Jodler aus.

Die Jodlerinnen stehen im Kreis und singen sich durch die drei Stimmen von “Hau dri lei ho”. Zusammen funktioniert es jedoch noch nicht. “Ihr mĂĽsst ans Seufzen denken”, ruft Hammer. Aber das Neue ist zu anstrengend heute.

Um die Lust nicht zu verlieren, nehmen sich die Jodlerinnen die Jodler vor, die sie in den vorherigen Stunden geĂĽbt haben: “In Vatern seiner”, “Holadri jo idi ri”. Wenn die Vielstimmigkeit gelingt, vibrieren die Vogelhäuschen, die an Fäden von der Decke des Ateliers hängen, ganz leicht. Nach zweieinhalb Stunden lässt man sie einfach ausschwingen.

“In Bayern sagt man: ,Saufts euch zamme’. Bei uns heiĂźt’s: ,Seufzt euch zamme’”, sagt Daniela von Raffay, als sie später im Rollstuhl auf den Aufzug wartet.